BERTOLD HUMMEL - Texte zu den Werken: opus 30


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2. Sinfonie "Reverenza" (1966)

I. Fanfare Anfang

II. Fantasia

III. Finale concertante Anfang

 

Besetzung: 3.3.3.3 - 4.3.3.1 - Pk., Schlgz., Hrf., Streicher

Uraufführung: 29. März 1966, Würzburg, Hochschule für Musik
Orchester der Hochschule für Musik Würzburg / Hanns Reinartz

Aufführungsdauer: 25 Minuten

Autograph:
Titel: Reverenza für großes Orchester
Umfang: 94 Seiten
Datierung: I. 24.Okt.65 II. 28.XII.65 III. 28.Jan.1966
Aufbewahrungsort: Bayerische Staatsbibliothek München

Verlag: N. Simrock Hamburg-London (Boosey & Hawkes) (Leihmaterial)

Conventus Musicus CM 108

Video: Hummelwerke auf Youtube



Die 2. Sinfonie "Reverenza"entstand als Auftragswerk für die Einweihung eines neuen Konzertsaales. Vielleicht darf der Untertitel "Reverenza" als Ehrerbietung an die jahrhundertelange Tradition gedeutet werden.

Der 1. Satz Fanfare beginnt mit einer rhythmischen und dynamisch geformten 12-Ton-Melodie in langsamem Zeitmaß. Diese Melodie erscheint im Laufe des Satzes 4 mal und gliedert dadurch den sonst ganz von einem unerbittlich vorwärtsdrängenden Fanfarenmotiv beherrschten Satz.

2. Fantasia. Ein weitgeschwungenes, rhapsodisches, gleichsam improvisiert wirkendes Flötensolo eröffnet den pastoralhaften, langsamen Satz. Nach kurzem Orchester-Tutti übernimmt die Klarinette den Faden und spinnt ihn weiter, das Orchester-Tutti leitet zu einem Hornquartett über, welches von einer lyrischen Streichquartettepisode mit einer Solokadenz der 1. Geige abgelöst wird. Die Oboe greift die pastorale Atmosphäre des Anfangs wieder auf - im Tutti kommt es zu größter Kraftentfaltung - feierlicher Posaunenübergang - sarabandeartige Steigerung über dem Ostinato der Bässe und Pauken. Eine kurze Wiederaufnahme des Flötensolos beschließt den überaus farbigen Satz.

3. Finale concertante. Der virtuose und musikantische Schlußsatz hat ausgesprochen dramatischen Charakter. In einem groß angelegten Spannungsfeld wird das gregorianische "Te deum laudamus" einem vollchromatischen, 12-tönigen Thema entgegengesetzt. Zunächst kontrastierend - im Verlauf des Satzes immer mehr sich durchdringend und verflechtend - dominiert schließlich das hymnische Te deum. Mit einer kontrapunktisch sehr dicht geformten Schlußsteigerung, in der alle Themen vorhanden sind, geht das Werk zu Ende.

Die ersten drei Töne der Sinfonie - sowohl melodisch als auch akkordlich geformt - sind in allen Sätzen permanent vorhanden und können quasi als sinfonische Klammer bezeichnet werden.

Das Werk erfreut sich seit seiner Uraufführung am 29. März 1966 im In- und Ausland einer stetig wachsenden Beliebtheit. Allein im Jahre 1982 wurde es siebenmal aufgeführt, in Nürnberg, Limoges, Foix, Pau, Tarbes, Biarritz und Ansbach.

Bertold Hummel



(...) Grundsätzlich gehe ich von der 12-Ton-Technik aus, die jedoch nicht akademisch konsequent angewandt wird. In meiner 2. Sinfonie op. 30, im Jahre 1966 entstanden, mit dem Titel Reverenza - zu deutsch Ehrerbietung - kommt dazu die fast durchgängige Quartenharmonik. Weiterhin fällt in diesem Werk die Vorliebe für bestimmte geläufige musikalische Formeln auf, die zweifelsohne beim Hörer ein gewisses Vertrautheitsgefühl schon bei der ersten Begegnung mit dem Werk erzeugen. Choral, Marsch, Fanfaren, Jazzmotive, Tonleitern, Akkordfiguren. Vielleicht darf von hier aus der Titel der Sinfonie erklärt werden als Ehrerbietung an die Jahrhunderte lange Tradition der Musik.


Bertold Hummel (Konzerteinführung, 24. Juni 1981, Stuttgart)


(...) Damals vor 30 Jahren - es war die Zeit, in der meine komponierenden Alterskollegen in Deutschland alles andere schrieben als Sinfonien - dazu noch solche zu festlichen Anlässen. (...) Es war meine Aufgabe für das Orchester des damaligen Staatskonservatoriums ein maßgeschneidertes Stück zu schreiben. Die Professoren saßen an den 1. Pulten und wollten alle in irgendeiner Weise bedacht werden. So sind die verschiedenen Soli in diese Sinfonie gekommen. Das Stück ist auch eine Reverenz gegenüber einer Institution, an der ich bis zum Jahre 1988 lehrte und der ich wahrscheinlich als Ehren-Präsident lebenslänglich verbunden sein werde.

Bertold Hummel (Entwurf einer Rede,12./13. Oktober 1995)


Formskizze des 1. Satzes
Claus Kühnl: Reverenza - Analyse

 

In seiner 2. Sinfonie zeigt sich neben einer fast durchgängigen Quartenharmonik die Vorliebe für bestimmte geläufige musikalische Formeln, die schon beim ersten Hören ein Vertrautheitsgefühl mit dem Werk erzeugen: Choral-, Marsch-, Fanfaren-, Jazzmotive, Tonleitern, Akkordfiguren. Von hier aus erklärt sich der Titel der Sinfonie: als Verbeugung vor der jahrhundertelangen Tradition der Musik.

I. Fanfare: Zwei wesentliche Strukturmerkmale formen den ausdruckstarken Kopfsatz: eine melodische Zwölftonreihe im Baß, zu Beginn unisono im zwingenden "crescendo" vorgestellt, und ein Fanfarenmotiv der Blechbläser. In stetem Wechsel werden diese beiden Motive zueinander in Beziehung gesetzt, sowohl in der Vertikalen als auch in der Horizontalen verwoben. So ergeben sie ein überaus vielschichtiges expressives Klangbild. Nach einer von Harfe und \/ibraphon eingeleiteten ruhigen Episode entwickelt sich ein mächtiger Klangblock des ganzen Orchesters mit dem veränderten Unisono-Gedanken im Baß. Einer Phase der Beruhigung schließt sich ein geradezu mystischer Abschnitt an: Flatterzunge von Flöte und Piccolo mit Tremolo des Vibraphons über einem Grund von Streicher- und Beckentrillern, dazu ein "rufendes" Posaunenmotiv. Auf eine abermalige Gegenüberstellung der beiden Hauptgedanken folgt eine bohrende Ostinato-Figur der Violinen und führt zum kraftvollen Schluß.

II. Fantasia: Ein weitgeschwungenes, rhapsodisches, improvisiert wirkendes Flötensolo eröffnet den pastoralen langsamen Satz. Die Klarinette trägt diese Stimmung in einem noch umfangreicheren Solo weiter (teilweise auf glitzerndem Orchestergrund: Flageolett der Solostreicher, Harfenläufe, Beckenwirbel und Vibraphonfiguren). Dann übernehmen die hohen Holzbläser und Streicher in einem rhythmisch fesselnden Motiv die Führung. Vom Hornquartett geht das Geschehen über in eine ausgedehnte Streichquartett-Episode (mit Kadenz der 1. Geige). Die Oboe greift die pastorale Atmosphäre des Anfangs auf, im Tutti kommt es noch einmal zu höchster Kraftentfaltung: feierlicher Posaunenchoral, sarabandenartige Steigerung über dem Ostinato der Bässe und Pauken. Eine kurze Wiederaufnahme des Flötensolos beschließt diesen überaus farbigen Satz.

III. Finale Concertante: Ein ungemein virtuoses, vitales und musikantisches Finale! Aufbau und Spannung ergeben sich aus der Polarität der beiden Hauptthemen: einer 12-Ton-Reihe, die das diabolische Prinzip verkörpert, steht das gregorianische Tedeum gegenüber. Aufwärtsjagende Skalen leiten das imitatorisch geführte erste Thema ein, aus dem sich dann Begleitfiguren zu einem hymnusartigen Posaunensolo kristallisieren. Eine kurze Ruhepause (Klarinette, tiefes Blech) schafft Energie für eine sehr akzentuierte Episode im Rumbarhythmus (Holzbläser, Bongos), an deren Ende sich ein kraftvolles Marschthema auf- baut, das zusammen mit dem hymnischen Motiv zu großer Klangentfaltung gebracht wird. Ein durchführungsartiger Abschnitt wird vom Klang der Bongos und scharfen Bläserakkorden geprägt. Wieder erscheinen der Holzbläsergedanke und das Posaunenmotiv. Mit der rasenden Skala des Beginns setzt die Reprise ein, die jedoch frei weitergeführt wird, wobei die Trompeten mit einem weiteren hymnischen Motiv den Höhepunkt setzen. Tempoverlangsamung sowie transparenter Einsatz von Soloinstrumenten bewirken eine Beruhigung. Eine breit angelegte Steigerung mündet daraufhin in ein kraftvolles Unisono-Thema von Hörnern und Streichern. In der Coda werden die verschiedenen Elemente (Bongos, Holzbläserthema, Marschgedanke usw.) sehr dicht kombiniert. Es kommt zu einer weiteren großen Steigerung: Hörnerfanfaren kündigen abermals ein Marschmotiv an; ein wogender Aufschwung von Holzbläsern und Streichern wird gekrönt vom strahlenden Choral der Trompeten. Mit einem eingetrübten E-Dur-Akkord klingt die traditionsverbundene "Reverenza‘ effektvoll aus.

Dieter Wittenbrock

 


Interview mit Inken Hummel zu op. 30


Presse

Fränkisches Volksblatt 16.3.1987

Ein riesiger Wurf vielschichtigen Ausmaßes erklärt sich in Hummels mitreißender und gescheit durchgearbeiteter 2. Sinfonie.

 

Main-Post, 21. 2. 2017

Bereits mit Hummels Finalsatz aus der Sinfonie Nr. 2 "Reverenza" wusste man zu überzeugen, arbeitete die skurillen, auch witzigen Momente des Werkes heraus, dazu elegante Melodien und mächtige, choralartige Abschnitte. Die detailreiche Klangwelt eines Bertold Hummel durfte sich entfalten, Halleffekte, farbige und fantasievolle Instrumentierung - ein modernes, 50 Jahre nach der Uraufführung auch für Hörer, die jeden Modernismus ablehnen, gut nachvollziehbares Werk.


Nürnberger Nachrichten 19.4.1986

Mit dem Titel "Reverenza" verläßt Hummels op. 30 aus dem Jahre 1966 harmonische Traditionsbindungen nicht radikal, gewinnt aber dennoch im freien Umgang mit Zwölftontechnik bei starker Innenspannung farbiges Eigenleben und künstlerisches Gewicht. Die 20-Minuten-Sinfonie ist kompositorisch einfallsreich, kunstvoll und formal konsequent gebaut.
Aus wohllautenden Unisono-Akkorden steigt der erste Satz ("Fanfare") auf, setzt sein thematisches Material in strukturklaren Verflechtungen um , bringt im Mittelsatz ("Fantasia") zarte Melodik ins Spiel und steigert sich zum Finale in ein vielfach gebrochenes, leidenschaftlich bewegtes Espressivo.

 

Deutsche Tagespost, 9.10.1974

Bertold Hummel erweist in seiner zweiten Sinfonie der gewachsenen kompositorischen Tradition und der Gegenwart seine Reverenz, aber er ist selbständig in jedem Takt. Seine Unisoni mit den marschverbrämten Zwischenspielen der Blechbläser im ersten Satz haben den großen Bogen und den urdeutschen romantischen Geist eines Mathis oder einer Harmonie der Welt von Hindemith.

 

Hofer Anzeiger, Frankenpost, 22.3.2004

Bertold Hummels zweite Symphonie, mit dem ehrfurchtsvollen Titel "Reverenza", hat von beiden Hälften des Abends, der klassisch-romantischen wie der klassischmodernen, ihr Teil. Zum 20. Jahrhundert gehört ihre atonale Sprache; die Orchesterbesetzung indes begnügt sich mit traditionellem Format. Immerhin dröhnt der Gong mit, die Trommel rasselt - und das Vibrafon fügt einen sinnlich-sehnsüchtig schwingenden Beiklang hinzu.
Nuancenreich feilen Boggasch und das Orchester Hummels hohe Instrumentationskunst aus. Energisch und effektstark stellt sich scharf das Blech neben und gegen die Flächen der Streicher, die satt Druck machen. Der dritte und letzte Satz erinnert gar an die Motorik Arthur Honeggers. Als Haupt- und Meisterstück allerdings behauptet sich, kontrastierend zwischen den Ecksätzen, eine fabelhafte "Fantasia", die sich wie ein Kammerkonzert für Flöte, dann für Klarinette, endlich für Streichquartett entspinnt, ebenso sublim wie treffsicher angestimmt.

 

Fränkisches Volksblatt 31.3.1966

Neben Beethovens ebenso lebensvollen wie lebensbejahenden 8. Symphonie standen Mozarts Klavierkonzert KV 466 und eine Uraufführung, Bertold Hummels quicklebendige Reverenza auf dem Programm.
Die Moderne bildete den Auftakt des Abends. Bertold Hummel - einer der Lehrer des Staatskonservatoriums, die seinen Ruf mehren - hat seine Reverenza, wohl auch eine Huldigung an dieses Haus, für ein großes Orchester geschrieben. Bis zur Tuba reichte das Blech, die Kontrabassisten ragten in Reih und Glied bis tief in die Mitte des Podiums, und im Hintergrund postierten sich drei Musiker vor dem Schlagzeug, darunter Siegfried Fink, der Leiter des Perkussionsstudios, als Avantgardist seines Faches nicht nur in Deutschland gut angesehen. Durch seine Hände ging viel, denn Bertold Hummel hat sein Schlagzeug reich und farbig bedacht. Der erste Satz, Fanfare genannt, tut es gleich kund, die Musik löst Spannung aus, es ist, als habe jemand ein Feuer entzündet, so sprüht es reihum von den Instrumenten, flammt es dann auf: eine Musik, die sich rasch und energisch erhellt. Fantasia, der zweite Satz: Die Querflöten leiten ihn ein, Harfenzupfen dazwischen, der kecke Ruf der Klarinetten - Bertold Hummel ist nicht nur ein temperamentvoller Komponist, der von den Instrumenten Behendigkeit wünscht, er geht auf sie auch feinnervig ein, er nimmt sie beim Klang und sie vertrauen sich ihm als einem an, der sie kennt. Tänzerisch bewegt zuletzt das Finale concertante, ein Wirbel zuweilen, sensibel-nervös. Dem Orchester des Bayerischen Staatskonservatoriums gelang dies alles unter der Leitung von Prof. Hanns Reinartz durchaus nuanciert.