BERTOLD HUMMEL - Texte zu den Werken: opus 72a


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Faustszenen Ballett nach einem Tanzpoem von Heinrich Heine für Bläser- und Schlagzeugensemble, op. 72a (1979)

I. Höllenzwang

II. Verführung

III. Hexensabbat Anfang

IV. Helena

V. Jahrmarkt und Fausts Verdammung

 
Uraufführung (ohne Choreographie): 25. September 1979, Berlin, Hochschule der Künste
Bläservereinigung und Schlagzeugensemble der Jungen Deutschen Philharmonie / Lutz Köhler
Kompositionsauftrag der Berliner Festwochen 1979


Besetzung: 2.2.2.2 - 3.2.2.1 -Schlgz. <5>

Aufführungsdauer: 48 Minuten

Choreographie der 1. Szene:


Autograph:
Titel: "Faustszenen" op. 72 für 16 Bläser und 5 Schlagzeuger nach einem Tanzpoem Heinrich Heines
Umfang: 182 Seiten
Datierung: I. 23.Juni 79 II. - III. 30. Juli 79 IV. 19.Aug.79 V. - VI. 1.Sept. 79

Aufbewahrungsort: Bayerische Staatsbibliothek München

Verlag: Schott Music

 

Das überaus fantasievolle Faustpoem von Heinrich Heine diente mir als Stimulans zu den fünf* Szenen, in denen ich versucht habe, in komprimierter Form die Farbigkeit der Bilder des Vorwurfs einzufangen. Die Figuren der Handlung sind mit melodischen und rhythmischen Leitmotiven versehen, die entsprechend dem Progress des Werkes permanenten Metamorphosen unterworfen werden. Das Werk entstand für die Berliner Festwochen in der Besetzung: Holz- und Blechbläser sowie fünf Schlagzeugern.

Bertold Hummel (Programmheft der Berliner Festwochen 1979, Seite 140)


Faust-Szenen Leitmodi

 

Franz Rauhut: Interview mit Bertold Hummel
(aus dem Programmheft der Berliner Festwochen 1979, die unter dem Thema "Faust" standen.)

Auf Wunsch eines englischen Theaterdirektors erdachte Heinrich Heine (1847) einen Faust in Ballettform, was kühn, aber realisierbar war, hatte doch Gluck einen Don Juan ("Le festin de Pierre") als Ballett komponiert, aber die Hoffnung auf das Rampenlicht für den "Doktor Faust, ein Tanzpoem", ging nicht in Erfüllung. Die poesievoll detaillierte Schilderung zündete bei dem Komponisten Bertold Hummel, der in seinen "Faustszenen für Bläser und Schlagzeuger" den Intentionen des Dichters in streng eingehaltener Folge mit einer ungemein suggestiven Musik gehorchte. Die Uraufführung in den "Berliner Festwochen" am 25. September 1979 durch die Bläservereinigung der Jungen Deutschen Philharmonie im Theatersaal der Hochschule der Künste fand eine begeisterte Aufnahme.

Im ersten Akt, Höllenzwang, in dem Dr. Faust in seinem Studierzimmer die Geister der Unterwelt heraufbeschwört und Mephistophela ihn durch das verführerische Bild der Herzogin im Spiegel zum Unterschreiben des Paktes verleitet, erdröhnen die dämonischen Motive der Musik mit überwältigender Schrecklichkeit, was sich in Variationen, mit gelegentlich skurriler Lautmalerei, durch alle Akte hindurchzieht.

Der zweite, Verführung, am herzoglichen Hofe spielend, läßt die Herzogin mit Faust und den Herzog, in ironischem Kontrast, mit Mephistophela tanzen.

Der Hexensabbat, im dritten Akt, ist als Höhepunkt des Ganzen dichterisch und musikalisch am reichsten mit Themen und Motiven gesättigt. Eine Hexe nach der andern kommt herbeigezischt; eine blasphemische Parodie der Messe ist dem als Bock auftretenden Satan gewidmet; er tanzt mit der Herzogin, die eine Satansbraut ist, ein Menuett; Faust erlebt mit ihr eine Enttäuschung, die die große Verführungskunst der Hölle als faulen Zauber entlarvt. Daraufhin läßt dem von der Sehnsucht nach dem Reinschönen Erfaßten Mephistophela die antike Helena erscheinen, deren Leitmotiv durch wechselnde Klangfarben bezaubert.

Fausts Versuch im nächsten Akt, der Helena betitelt ist, sich mit der berühmten Schönen zu vereinigen, mißlingt durch das Hereinstürmen der eifersüchtigen Herzogin; die antike Welt verfällt der Verwesung, was Faust durch Töten der Herzogin rächt.

Der abschließende fünfte Akt bietet das Volksfest einer Kirmes mit dem Charme munterer Musik. Der als Quacksalber auftretende Dr. Faust glaubt jetzt sein Glück endlich in der Häuslichkeit mit einem lieblichen Bürgermeisterstöchterlein zu finden, die er auf der Stelle ehelichen will, aber da tritt Mephistophela mit dem blutunterschriebenen Pakt dazwischen und der Sünder wird mit wuchtigem Spektakel in die Hölle abtransportiert, worauf das Leitmotiv Faust als lieblicher Nachklang ein letztes Mal ertönt.

Was hat Sie veranlaßt, nach Heines "Tanzpoem" zu greifen?
Von der Berliner Festwochenleitung wurde der Wunsch an mich herangetragen, eine Faustkomposition zu liefern. Ich hatte in meiner Studienzeit eine Bühnenmusik zu Marlow‘s Faust geschrieben. Das Faust-Thema hatte mich schon immer interessiert. Besonderes Interesse weckte bei mir Heinrich Heine‘s Bearbeitung des Stoffes als Tanzpoem. Hier sah ich die Möglichkeit, eine abwechslungsreiche Musik zu schreiben.

Warum haben Sie für die Struktur das Wagnersche Leitmotiv verwendet?
Um dem Hörer das Verständnis für die "Handlung" zu erleichtern, habe ich den handelnden Personen eine Tonfolge - quasi als "Leitmodus" mitgegeben, der je nach Situation der Handlung seine Gestalt verändert.

Läßt sich Ihr Werk der Gattung "Symphonische Dichtung" oder "Programmusik" zuordnen oder ziehen Sie eine Aufführung in Ballettform vor? Wäre ein kurzgefaßtes Programm dem Verständnis dienlich?
Ein kurzgefaßtes Programm könnte das Verständnis bei einer konzertanten Aufführung erleichtern. Eine Ballettfassung halte ich für die idealste Aufführungsform, sofern Choreografie und Inszenierung mit der Musik in Einklang gebracht wird.

Täusche ich mich, wenn mir gelegentlich irgend eine Vergleichbarkeit mit Dukas "Zauberlehrling" oder mit Strawinskys "Feuervogel" gegeben scheint?
Ob musikalische Querverbindungen zu den gennannten Werken bestehen, kann ich nicht sagen, dafür habe ich noch zu wenig Abstand von meiner Arbeit. Ich hätte jedenfalls nichts dagegen, wenn sich meine "Faustszenen" ähnlich gut in die Literatur einordnen würden wie die genannten Werke.

Haben Sie zu dem Menschheitsproblem Faust ein persönliches Verhältnis?
Ich glaube, jeder kreative Mensch hat ein persönliches Verhältnis zum Faustproblem. Ich muß gestehen, daß ich nicht zuletzt durch meine jahrelange Freundschaft mit Luigi Malipiero, dessen Faustinszenierungen unvergessen sind, eine besonders ausgeprägte Affinität zur Faustgestalt bekommen habe.

Sie haben sich treu an Heines Schilderung des Geschehens gehalten, aber ganz am Schluß weichen Sie von ihm ab, indem Sie an die Stelle christlicher Glocken- und Orgelklänge das Faustmotiv ein letztes Mal hören lassen. Was hat Sie dazu bewogen?
Ganz zum Schluß meiner Faustszenen - quasi im Nachhall - erklingt noch einmal das Faustmotiv. Es soll anzeigen, daß das Faustische mit der Höllenfahrt nicht endgültig aus dieser Welt verschwunden Ist.

Warum haben Sie Ihr Orchester auf Bläser und Schlagzeuger reduziert?
Diese Besetzung war eine Bedingung des Kompositionsauftrags. Ursprünglich hätte ich lieber für volles Orchester geschrieben. Während der Arbeit reizte es mich, eine möglichst farbige Partitur herzustellen und ich hoffe, daß mir dies trotz der Besetzungsbeschränkung gelungen ist.

Sind Ihnen beim Komponieren besondere Schwierigkeiten aufgetaucht?
Schwierigkeiten sah ich nur in meiner angespannten zeitlichen Disposition und der daraus resultierenden Hektik bei der Herstellung des Aufführungsmaterials.

Legen Sie Wert auf leichte Verständlichkeit Ihres Werkes auf seiten des Publikums?
Ich lege größten Wert auf die Verständlichkeit meines Werkes und handle mir lieber den Vorwurf von Überdeutlichkeit ein, als daß ich den Zuhörer in hoffnungslose Verwirrung bringe.

Darf ich Sie nach der Dauer der Arbeit an Ihrem Opus fragen?
Das Werk wurde in der Hauptsache in den Monaten Juli und August 1979 komponiert und instrumentiert und hat mir eine außerordentliche Arbeitsleistung abverlangt.

 

Presse

Spandauer Volksblatt 27.9.1979

... seine Faustszenen sind mit eminentem Klangsinn und Sinn für Effekte gearbeitet. Eine solche Sammlung zumal von differenzierten Schlagzeugwirkungen erlebt man nicht alle Tage. Das Stück sollte seinen Weg machen...

 

Berliner Abend 26.91979

... (Hummels) Musik ist von krasser szenischer Wirkung und sehr publikumssicher ...

 

Tagesspiegel Berlin 27.9.1979

Großes handwerkliches Können und sicheren Spürsinn für Bläser- und Schlagzeugeffekte bewies der Komponist ...

Gleich der erste Satz "Höllenzwang" tauchte in den Schlund meckernder Holzbläser wie eherner Posaunenklänge, grundiert von Schlagzeug-Exzessen....

 

Weser-Kurier, Bremen 1.10.1979

Das unleugbare romantische Pathos für das Tanzpoem von Heinrich Heine wird hinübergerettet in eine doch neue Klangsprache, die primär bildlich und assoziativ ist....