BERTOLD HUMMEL - Texte zu den Werken: opus 80


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Poem für Violoncello und Streicher, op. 80 (1984)



Beginn des zweiten Teils der Komposition

Widmung: Julius Berger gewidmet

Uraufführung: 13. Juli 1985, Ottobeuren, Kaisersaal
Julius Berger / Südwestdeutsches Kammerorchester Pforzheim / Christoph Wyneken


Streicherbesetzung (auch chorisch): 8 Violinen, 2 Bratschen, 2 Violoncelli, 1 Kontrabass

Aufführungsdauer: 25 Minuten

Autograph:
Titel: POEM für Violoncello solo und 13 Streicher (auch chorisch) op. 80
Umfang: 92 Seiten
Datierung: I. 12.8.84 II. 27.Okt.84

Verlag: Schott Music
ED 20743 / ISMN: 979-0-001-16973-8 (Studienpartitur)
CB 220 / ISMN: 979-0-001-16967-7 (Klavierauszug mit Solostimme)

PartiturKlavierauszug

Conventus Musicus CM 108

 

Inhalt und formale Gestaltung sind in subjektiver Weise dem Stufengedicht abgewonnen. Die vielfach aufscheinende Kurzmotivik der beiden Teile lehnt sich in "magischer Formelschrift" dem Gleichnis des Glasperlenspiels an, das im Ring zum Spiel mit bunten Perlen, zum Spiel mit Symbolen wird.
Zauber und Traum, Aufbruch und Klage, Abschied und Verklärung sind die Stimmungen, die oft in raschem Wechsel aufeinander folgen - untergründig der Durst nach Leben und die Sehnsucht nach Leid und Vollendung.
Das Werk ist Julius Berger gewidmet.

Bertold Hummel

 

Die reine Quinte als Stufensymbol steht am Beginn und am Ende des Werkes. Verminderte und übermäßige Quinten als Varianten bzw. Verschleierungen.
Im ersten Teil entwickeln sich aus kleinen Keimzellen verschiedene Episoden, die sich evolutionär aneinanderreihen.
Im 2. Teil bestimmt eine 4-Tonfolge den Bewegungsgestus. Im goldenen Schnitt formiert sich dieselbe zum BACH-Zitat, das den Ausklang des Werkes metamorphisch beeinflusst.

Bertold Hummel (Dieser Text ist vom Komponisten mit Bleistift skizziert, dann aber nicht als Einführungstext zur Verfügung gestellt worden!)


„Das Tiefencombinatorische, Poe­tische . . . der neueren Musik hat ihren Ursprung aber zumeist in Bach", so schrieb Schumann im Jahre 1840 an einen Freund. Es trifft für die Musik Beethovens zu, seine eigene natürlich, die Liszts und Wagners . . . bis hin zu Bertold Hummel, auf dessen zweisätziges Poem sich das sogar ganz eigens beziehen könnte. Dieses Gedicht für Solocello und 13 Streicher ist eine großangelegte Hommage à Bach, ein Stück, das auf diesen berühmten vier Tönen fußt, die für sich genom­men ein Drittel der Zwölftonskala darstellen, oder anders: in weiteren zwei Sequenzen das chromatische Total ergeben. - Ich weiß nicht, ob Hummel die 2. Ballade von Liszt im Kopf hatte, die mit denselben vier Tönen eine ähnliche „Geschichte" erzählt, ich meine eine rein musika­lische: durch das „Gestrüpp" der Chromatik bis zum klärenden B-A-C-H, das sich Hummel auch bis zum 2. Satz aufhebt: Takt 149 im Solocello noch ein wenig versteckt, bis er, immer schon unüberhörbar in Takt 184 (insgesamt hat der 2. Satz 301 Takte; dann hat der Hörer die Proportion)   die   Tonnamen genau zitiert. Immerhin, bei 186 Takten läge der „Goldene Schnitt"!! Schumann kommt einem sofort in die Ohren, wenn man in den allerersten Cellotönen des 1. Satzes die „Fanfa­ren" von dessen 2. Sinfonie erkennt, und die steckt bekanntlich voller BACH. Und dann geht es mit d-cis-a-gis weiter. Wem es da nicht be­wußt wird . . . Aber wie gesagt, es gibt noch eine „Geschichte" zu er­zählen, natürlich eine — und das ist sehr wichtig — rein musik­immanente: von Themenaufstellung, Durchführung und Wiederholung. Und alles mit dem „Tiefencombinatorischen". „Die Hauptsache bleibt, ob die Musik ohne Text und Erläuterung an sich etwas ist, und vorzüglich, ob ihr Geist innewohnt." Auch das ist von Schumann. — Der Hörer wird staunen und bestätigen, daß die Forderung hier auf eine interessante Art, fesselnd, faszinie­rend und mit allen musikalischen Mitteln, denen des Konzertes und der sinfonischen Sprache erfüllt ist. Vermutlich wurde die Komposition zum Bach-Jahr 1985 komponiert. Die Sätze wurden im August und Okto­ber 1984 geschrieben.
Friedhelm Onkelbach (im Programmheft zu einer Aufführung mit Jan Vogler und dem Dresdner Kammerorchester unter Manfred Scherzer im Berliner Schauspielhaus am 4. Mai 1988)


Ich bin gebeten worden, das Gedicht "Stufen" von Hesse vorzulesen. Es lautet:

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Was sich ganz spontan beim Hören der Komposition Hummels nachvollziehen läßt, sind vorallem zwei Aspekte. Da ist auf der einen Seite das, was Hesse mit dem Begriff des Erwachens umschrieben hat, und dann, worauf sich die letzten Sätze des Gedichts beziehen, wenn es heißt: es wird vielleicht auch noch die Todesstunde uns neuen Räumen jung entgegensenden. Diese neuen Räume sind am Ende des zweiten Satzes, "Poem" besteht aus zwei Sätzen!, durch Mixturen aus reinen Dreiklängen dargestellt, die in Gegenbewegung, bitonal weitergeführt werden. Diese Klänge wirken wie vergoldet, ja ich bin versucht zu sagen "verklärt". Das Solocello steigt in großer Ruhe bis in höchste Höhen des Instruments, ein fahles C im Streichorchester, zu dem das Cello eine reine Unterquarte hinzufügt, wirkt wie ein Signal, bildlich gesprochen wie ein Tor zu jenen Räumen. Das Erwachen, also das Bewußtwerden der eigenen Persönlichkeit, welches sich stufenweise vollzieht, ist im ersten Satz dargestellt. Sehr eindrucksvoll klingt es, wenn beispielsweise in den ersten Takten die Töne des Solisten als "Echo" im Streichorchester widerhallen, das Individuum so in einen artifiziellen (Klang-)Raum gestellt wird.
Ich habe das "Glasperlenspiel" kürzlich noch einmal gelesen und die wesentlichen Sätze über das Erwachen für Sie zusammengestellt. Sie lauten:

Daß das "Erwachen" eine jeweilige Erkenntnis seiner selbst und des Ortes, an dem er innerhalb der (...) menschlichen Ordnung überhaupt stand, zu bedeuten hat, ist zu vermuten, doch scheint uns der Akzent mehr und mehr auf die Selbsterkenntnis sich zu verschieben, in dem Sinn, daß (er) vom "Beginn des Erwachens" an mehr und mehr sich einem Gefühl seiner besonderen, einmaligen Position und Bestimmung näherte, (...)

Das zweite Zitat ist für mich sogar eine Art Quintessenz des gesamten "Glasperlenspiels":
(...) wenn es schon kein eigenmächtiges Transzendieren gab, sondern nur ein Sichdrehen des Raumes um den in seiner Mitte Stehenden, so bestanden die Tugenden dennoch und behielten ihren Wert und ihren Zauber, sie bestanden im Jasagen, statt Verneinen, im Gehorchen, statt Ausweichen und vielleicht ein wenig auch darin, daß man so handelte und dachte, als sei man Herr und aktiv, daß man das Leben und die Selbsttäuschung, diese Spiegelung mit dem Anschein von Selbstbestimmung und Verantwortung, ungeprüft hinnahm, daß man aus unbekannten Ursachen eben doch im Grunde mehr zum Tun als zum Erkennen, mehr triebhaft als geistig geschaffen war. (...)

Und das letzte Zitat lautet:
Es ging, so schien es, beim "Erwachen" nicht um die Wahrheit und die Erkenntnis, sondern um die Wirklichkeit und deren Erleben und Bestehen. Im Erwachen drang man nicht näher an den Kern der Dinge, an die Wahrheit heran, man erfaßte, vollzog oder erlitt dabei nur die Einstellung des eigenen Ich zur augenblicklichen Lage der Dinge. Man fand nicht Gesetze dabei, sondern Entschlüsse, man geriet nicht in den Mittelpunkt der Welt, aber in den Mittelpunkt der eigenen Person. Darum war auch das, was man dabei erlebte, so wenig mitteilbar, so merkwürdig dem Sagen und Formulieren entrückt; Mitteilungen aus diesem Bereich des Lebens schienen nicht zu den Zwecken der Sprache zu zahlen.

Claus Kühnl (in einer Stehgreifrede zum Konzert am 30.1.1995 anläßlich des 70. Geburtstages von Bertold Hummel in der Bayerischen Akademie der schönen Künste in München)

 

Presse

Memminger Zeitung 16.7.1985

Man lernte einen Komponisten von äußerster Bescheidenheit, jedoch von intensiver künstlerischer Ausstrahlungskraft kennen, der sein "Poem" an das Gedicht "Stufen" von H. Hesse nicht nur anlehnt, sondern die Kraft der Gedanken daraus zieht und sie in Musik umsetzt, die packend in den Bann zieht. Sehr kurze Motive beherrschen in markanten Strichen beide Teile, moderate Zwölftönungen setzen helle Lichter auf, und die alte Regelung des Zwiegesprächs Orchester — Soloinstrument wird auf fesselnd moderne und ungemein überzeugende Art gelöst.

 

Rhein-Neckar-Zeitung 31.5.1986

Gleich nach einem sehr klaren Eingangsthema, das eigentlich nur aus einer aufsteigenden Quint besteht, die aber durch vielfältige Engführung in den durchwegs solistisch behandelten Streichern sogleich in klangliche Vielfalt übergeführt wird, nehmen geheimnisvolle Flageoletteffekte die Aufmerksamkeit des Hörers gefangen. Aus der Erweiterung des Themas entsteht ein Dialog zwischen den dreizehn Solisten des Orchesters und Julius Berger, wobei anspruchsvolle lnstrumentaltechniken von den Ensemblestreichern ebenso verlangt werden wie vom Soloinstrument - dort aber geradezu exzessiv. Spätestens hier wird klar, daß der Komponist (wie in seiner Biographie nachzulesen ist) selbst als Cellist ausgebildet wurde! Akkorde wie aus gebrochenem Glas gewonnen, spannende Überleitungen, Solokadenzen mit irisierenden Klangfarben: Vieles deutet auf eine sehr subjektiv empfundene Musik.

Tatsächlich gibt der Komponist die Auskunft, das Werk sei inspiriert durch das Stufen-Gedicht von Hermann Hesse: "Wie jede Blüte welkt und jede Jugend dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe, blüht jede Weisheit auch und jede Tugend zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern." Es ließ sich schon bei einmaligem Hören feststellen, wie stark der formale Aufbau des Werks von thematischen Bezügen bestimmt wird, und wenn im zweiten, beinahe rondohaften Teil deutlich wird, daß alle Errungenschaften der Avantgardemusik der Sechzigerjahre vom Komponisten genauestens studiert worden sind, so blieb andererseits die lyrische Kantilene, der weitgezogene Atem letztlich bestimmend.

 

Pforzheimer Zeitung November 1985

Das "Glasperlenspiel" von H. Hesse mit seinem Gedicht "Stufen" war der geistige Ausgangspunkt für die Komposition, die teilweise in transzendente Bereiche führt und als ein klingendes Glasperlenspiel von geheimnisvoller und faszinierender Aussagekraft empfunden werden muß.

 

Basler Zeitung 1.6.1992

Solo und begleitendes Streichorchester waren von gleicher Liebe zum sinnlich vibrierenden Klang beseelt, das Ganze ein wiederum nicht auf vordergründige Weise "religiöses", wiewohl spürbar von Enthusiasmus geprägtes Werk.

 

Neue Ruhr Zeitung 12.3.1986

Mit zart verwobenen Streicherklängen führte das Folkwang Kammerorchester unter Alexander Schwinck in eine Traum-Welt ein und bildete so einen durchsichtigen Prospekt, vor dem der Cellist Julius Berger, dem das Werk gewidmet ist, sich entfalten konnte. Danach fordern Gedicht wie Musik zu immerwährendem Aufbruch und Neuanfang auf. Nach Zweifeln und Zögern des herumirrenden Cellos löst sich alles im klärenden B-A-C-H, denn auf diesen vier Tönen fußt die Komposition. Eine Hommage an den Meister also dazu.

 

Basellandschaftliche Zeitung 1.6.1992

Wachsen, Reifen, alte Räume verlassen bilden darin die Themen, musikalisch wurde es zu einem höchst differenzierten Stück musikalischer Prosa. Eigenwillig die Solopassagen des Cellisten und ungeheuer verdichtet das Konzertieren im Orchester, das in raschem Wechsel unterschiedlichste Stimmungen darbieten musste.

 

Westdeutsche Allgemeine Zeitung 10.3.1986

Man könnte die Komposition auch als Meditation für Cello verstehen. Beredt sprechend gibt sich das Soloinstrument teils in kantabler Melodik und teils figurativ bewegt ständig wechselnden Stimmungen hin.


nmz, Februar 2012

Neue Partituren durchgesehen von Max Nyffeler
Stilrichtung, allg. Charakter: Ein musikalisch vielseitiges, technisch anspruchsvolles Cellokonzert in zwei Sätzen, inspiriert unter anderem durch Hesses "Glasperlenspiel".
Form, Struktur: Zweisätzig, 1. Satz mit zwei großen Kadenzen. Solostimme ohne Pause, wird getragen und umhüllt vom Klang der geteilten Streicher.
Notation, Dauer, Schwierigkeit: Traditionell notiert; 25 Minuten; schwer bis sehr schwer.
Kommentar: Das 1985 uraufgeführte Werk des Würzburger Komponisten beeindruckt durch Ausdrucksvielfalt und klanglichen Facettenreichtum.