BERTOLD HUMMEL - Texte zu den Werken: opus 86


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Konzertante Musik für Vibra- und Marimbafon (1 Spieler) und Streicher, op. 86 (1986)

I. Moderato

II. Allegro Anfang

III. Rezitativ - Choral - Finale

 

Uraufführung: 1. November 1986, Darmstadt, Orangerie
Mark Christopher Lutz / Kammerorchester Merck / Zdenek Simane


Aufführungsdauer: 25 Minuten

Verlag: Schott Music
Partitur: Con 258 / ISMN: M-001-15304-1
Stimmen: Con 258-50 / ISMN: M-001-15303-4
Klavierauszug: ED 20468 / ISMN: M-001-15390-4

I. PartiturII. PartiturIII. KlavierauszugSchlagzeug-Legende

 

Die Konzertante Musik für Vibra- und Marimbafon und Streicher op. 86 entstand in den Monaten Juli bis September des Jahres 1986 im Auftrag des Kammerorchesters Merck zu dessen 20jährigem Bestehen.

Eine bemerkenswerte Novität des Werkes besteht darin, daß der Solist durch eine besondere Aufstellung erstmals die Möglichkeit erhält, beide Instrumente so zu bedienen, wie etwa ein Organist verschiedene Manuale. Diese Tatsache wird bei der Komposition natürlich im virtuosen Wechsel zwischen beiden Instrumenten und der klanglichen Verschmelzung derselben in weiten Teilen berücksichtigt.

Das dreisätzige Werk setzt dem Solopart ein 13stimmiges Streicherensemble gegenüber. Auch hier sowohl Kontrast als auch Verschmelzung.

Im ersten Satz Moderato wechseln rhapsodische Formulierungen mit lyrisch-ariosen Abschnitten, wechseln helle und dunkle Farben auf kleinem Raum. Drei Episoden mit 4stimmigen Marimba-Tremoli wirken ebenso gliedernd wie zwei kadenzartige Vibrafon-Einschübe.

Pochende und unerbittliche Rhythmen bestimmen die Motorik des zweiten Satzes Allegro, konfrontiert mit einem graziösen tempo di valse. Auch in der kurzen Solokadenz werden beide Bewegungsabläufe gegeneinander gesetzt. Der rondohafte Wechsel mit immer neuen Wendungen verklingt überraschend im äußersten Pianissimo.

Der dritte Satz Rezitativ - Choral - Finale gibt zunächst dem Solisten Gelegenheit zur "freien Rede". Choralartige Abschnitte (Marimba) mit jeweiligen Zwischenspielen (Vibrafon) erhalten durch hohe Orgelpunkte der Geigen einen sehr ruhigen Charakter. Das unmittelbar anschließende Finale (presto) gibt dem Solisten vielfältige Möglichkeit zur virtuosen Entfaltung. Eine etwas groteske Marsch-Episode wirkt dazwischen auflockernd. In einer ausführlichen Kadenz werden alle Elemente des Satzes ins Spiel gebracht. Das Presto findet seine Fortsetzung, neue Varianten treten hinzu; der musikantische Schwung wird verschiedentlich gebremst durch Fermaten und Reminiszenzen. Den abschließenden Coda-Takten ist noch ein ironischer Schluß angefügt. Ich hoffe, daß das Werk bei seiner Uraufführung auch etwas von der guten Laune vermittelt, die ich beim Schreiben meines op. 86 empfand.

Bertold Hummel


Neben dem Prinzip strenger Konstruktion herrscht in Hummels Musik zugleich stets das Prinzip des »homo ludens«, ganz besonders in der KONZERTANTEN MUSIK op. 86. Wie das Ganze formal abläuft, läßt sich relativ leicht erklären und gehörsmäßig erfassen: nämlich in seiner Dreisätzigkeit klar aufgebaut von einer verhaltenen Introduktion über ein tänzerisches Allegro mit fließenden und quasi folkloristischen Taktmustern - einige Walzer-Episoden erinnern an ein etwas fremdes Ambiente - hin zum ausdrucksmäßigen Höhepunkt in Form eines Rezitativs mit Choral und toccatenhaftem Finale. Darauf aufgetragen die solistische Schicht mit quasi-improvisatorischen Kadenzen, solistischen Ausbrüchen und freizügigen Einblendungen, die mit gutkalkuliertem Orchesterkolorit unterlegt sind: alles in allem ein von klarer Gestik und selbstverständlicher Diktion geprägtes, unproblematisches Werk der Spielfreude. Wie war doch gleich Praetorius Übersetzung des Begriffs »concertare«? Scharmützeln und Miteinander-Wetteifern (1619)...

Klaus Hinrich Stahmer

 

Presse

FAZ 5.11.1986

Ein gelungenes Stück, das seinen Reiz aus dem spielerischen Kontrast des Holz-, Stahl- und gestrichenen oft sordinierten Klangs schöpft, sowie aus Vermittlungsversuchen dieser divergierenden Farben. Es ist ein Werk voll hintergründiger Ironie, in dem zuweilen düster rhythmische Akzente oder bohrend sich auffächernde Cluster plötzlich in tändelnde Walzerbewegungen gleiten.

 

Darmstädter Echo 3.11.1986

Ein rundum musikantisches Werk hat Hummel komponiert, mit rhythmisch reizvollen Wechselspielen (im zweiten Satz sogar einen Walzer) zwischen Solisten und Orchester. Schade, daß die kompositorische Schlußpointe — Flageoletts der Streicher und Marimbaphon-Glissandi — etwas unterging. Jedenfalls hat das fünfundzwanzigminütige Stück den Musikern und den Hörern Spaß gemacht.