BERTOLD HUMMEL - Texte zu den Werken: opus 9


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Improvisation und Toccata für Violine, Violoncello und Klavier, op. 9 (1954)


I. Improvisation Anfang

II. Toccata

 
Uraufführung (Toccata): 21. Juni 1955, Kapstadt (S.A.), Hiddingh Hall
Inken Hummel-Steffen / Bertold Hummel / Virginia Fortescue

Uraufführung (Improvisation): 6. April 1961, Darmstadt, Große Aula des LGG
Jürgen Weimer / Bertold Hummel / Roland Weber


Aufführungsdauer: 12 Minuten

Autograph:
Titel: Improvisation und Toccata für Klaviertrio
Umfang: 30 Seiten
Datierung: -

Verlag: N. Simrock Hamburg-London (Boosey & Hawkes) EE 2944 / ISMN M-2211-0846-3

I.II.

 

Mit der "Improvisation und Toccata" für Klaviertrio setzt sich der Komponist mit den Ordnungsprinzipien der Modaltechnik auseinander, die in ähnlicher Weise wie die Zwölftontechnik als Arbeitsmaterial eine begrenzte Anzahl von Tönen verwendet. Durch die dauernde Modifikation derselben wird kompositorisch eine größtmögliche Einheitlichkeit erzielt.

Bertold Hummel (Programmheft "Studio für Neue Musik" Würzburg / 10.7.1963)

 

Das 1954 komponierte Klaviertrio op. 9 von Bertold Hummel sprengt insofern die Traditionen des klassisch-romantischen Klaviertrios, als es unter Verzicht auf überlieferte Formmodelle zwei Sätze von unterschiedlicher Bauart verbindet, deren thematische Substanz aus einer einzigen Urreihe abgeleitet ist. Von den zwölftönig komponierten Werken der Schönberg-Schule unterscheidet sich dieses Trio durch eine Art von Zell-Technik, bei der aus der Gesamtreihe kleinere Partikel herausgelöst und unabhängig vom zwölftönigen Total verwendet werden, Partikel, die in ihrer Terz-Sekund-Struktur ähnlich angelegt sind wie das BACH-Motiv, jedoch mehr Terzkombinationen enthalten und im zweiten Satz ihre wahre Herkunft zu erkennen geben: die Fuge aus der Psalmensintonie von Strawinsky. Durch ständige Verwandlung der Tonschritte in Oktav-Versetzung und Umkehrung entstehen vielfältige Konstellationen, die sich zur flexiblen Formgebung eignen. Der mit "Improvisation" betitelt Kopfsatz entfaltet innerhalb seiner zyklischen Einfassung, die am Anfang und Ende des Satzes die Reihe im Violoncello präsentiert, eine rhapsodisch anmutende Folge von Arabesken. Von diesem Klangfiligran hebt sich der 2. Satz, mit "Toccata" betitelt, durch seine wuchtigen Akkordblöcke und seine lineare Strenge ab. Seine Form ist eine durch quinttransponierte Reprise des Satzanfangs strukturierte Reihung von metamorphosenhaft aus dem Anfang abgeleiteten Abschnitten.

Klaus Hinrich Stahmer

 

Bertold Hummels Trio entstand 1954. Im ersten Satz Improvisation kommt es zur Exposition einer Zwölftonreihe, doch ist deren weitere Verwendung weniger von der linearen Abfolge der Töne 1 - 12 geformt, als vielmehr von deren chromatischen Reibungen a - b; d - cis; e - es; c - h; as - ges - f - g, die Hummels Klangteppich, im schwerelosen 7/5 Takt notiert, eine bittersüße Klanglichkeit verleihen. Die instrumentenspezifische Spieltechnik mit ihren Lagen - und Repetitionseffekten kommt dem improvisatorischen Charakter des ersten Satzes entgegen. Der zweite Satz Toccata ist demgegenüber von markantem Zugriff und reiht im 5/4 Takt kräftige Akkordblöcke in einer etwas statischen Gruppierungsmethode, die sich an den historischen Typus der Toccata anlehnt. Die Zelle, aus der sich der Anfang entfaltet und im weiteren Verlauf Einwürfe abgeleitet werden, stammt aus der Fuge in Strawinskys Psalmensymphonie.

 

Presse

Der Tagesspiegel, Berlin 3.12.1955

In Bertold Hummels herber konzentrierter Toccata scheint sich eine eigenwillige Kraft anzukündigen