BERTOLD HUMMEL - Texte zu den Werken: opus 91a


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In memoriam Anton Bruckner für Orgel, op. 91a (1989)


I. Fantasia

II. Adagio

III. Finale Anfang

 

Uraufführung: 19. Dezember 1989, Leipzig, Gewandhaus
Erwin Horn

Widmung: Erwin Horn gewidmet

Aufführungsdauer: 26 Minuten

Verlag: Schott Music ED 21546 / ISMN: 979-0-001-19123-4

I. II. III. Errata

ifo-records ORG 72222

Conventus Musicus CM 101

Literaturliste des Deutschen Musikrates für den Wettbewerb "Jugend musiziert":
Schwierigkeitsgrad 5/ sehr schwierig (Oberstufe)

 

Die Initialen Anton Bruckners (A, B), sowie Tonfolgen und rhythmische Gesten, vornehmlich gewonnen aus den Sinfonien 8 und 9, bilden das Ausgangsmaterial des Werkes, das in Form einer sinfonischen Fantasie in 3 Sätzen eine Huldigungan den Genius des großen Sinfonikers darstellt.

Bertold Hummel

 

Die Initialen Anton Bruckners (A+B) eröffnen als Geste den 1. Satz dieses Werkes. Der Anfang des Hauptthemas aus der 8. Sinfonie Bruckners wird kurz zitiert und erfährt im Verlauf des Satzes vielfältige Metamorphosen, die sich auf einen Höhepunkt zu entwickeln. Acht piano-Takte sind die Brücke zu einer Coda, in welcher die Satzelemente noch einmal verwandelt aufgegriffen werden.

Im 2. Satz spielen die vier ersten Töne des Adagios der 9. Sinfonie Bruckners sowohl linear als auch harmonisch eine bevorzugte Rolle. Eine viertaktige choralartige Akkordfolge, die ich als achtjähriger Junge nach dem ersten Anhören einer Bruckner-Sinfonie aufgeschrieben hatte, bildet den Kontrast, zuerst im ppp und schliesslich auf dem Höhepunkt einer 20-taktigen Passacaglia, deren Basstonfolge aus einem 3. Thema gewonnen wurde. Im Abgesang über dem Halteton e‘ wird noch einmal das Tonmaterial des Satzes zitiert, bevor das Adagio im äussersten ppp verklingt.

Das tokkatenhafte Finale erhält seinen drängenden Charakter durch den punktierten Rhythmus, der grosse Teile des Satzes beherrscht. Durch Einschübe mit verschiedenen Bruckner-Tonfolgen und Motiven erfährt der Satz seine Gliederung und findet schliesslich über einem Orgelpunkt ( A+B ), breit ausholend, seinen majestätischen Höhepunkt und Abschluss.

"In memoriam Anton Bruckner" entstand im Jahre 1989 und wurde von Erwin Horn im Gewandhaus zu Leipzig uraufgeführt.

Bertold Hummel

 

Erwin Horn und Bertold Hummel an der Orgel des Leipziger Gewandhauses 1989

 

Erwin Horn
Ein Leipziger Choral — misterioso

In jenen historisch bedeutsamen Tagen des Jahres 1989 als sich die „deutsche Wende“ anbahnte und die Öffnung der „DDR“-Grenze als gesamtdeutsche Option und Vision heraufstieg, eröffnete sich für mich über einen Kontakt zu Gewandhauskapellmeister Kurt Masur - Symbolfigur der friedlichen Revolution - die Perspektive, ein Orgelwerk von Bertold Hummel auf der stattlichen Orgel im Gewandhaus zu Leipzig zur Uraufführung bringen zu können. Meister Hummel wählte, einer Anregung folgend, für sein dreiteiliges, beinahe halbstündiges opus 91 den Titel „in memoriam Anton Bruckner" und verarbeitete darin - mehr oder weniger hörbar oder verschlüsselt - symphonische Motive des Namensgebers. Im Adagio-Mittelteil erklingt „misterioso“ und wie aus weiter Ferne ein dreitaktiger Choralvers, bestehend aus einer Folge von fünf („distantiellen“) Durklängen (Es—A-Fis-C—H) — so recht scheinbar nach „Bruckner-Art": Die Frage: „Woher hat er das?", war auch beim dringlichsten Nachsinnen nicht zu klären. Es klang so brucknerisch und war doch kein „Bruckner":


Nach längerem, mit hintergründigem Lächeln garnierten Hinhalten war der Komponist dann bereit, das „misterioso“ zu offenbaren: Als Knabe von acht Jahren hörte er erstmals (im Radio) eine (die dritte) Bruckner-Symphonie - ein wahres Schlüsselerlebnis für den Knaben Bertold, den Komponisten „in nuce“ („in der Knospe“). Bertold setzte sich ohne Verzug an sein Klavier, erfand im Geiste des eben gehörten Vorbildes (konkret war es wohl der ausgedehnte Choral im Finale der Dritten) eine Akkordfolge, schrieb sie auf ein Notenblatt und bewahrte diese seine erste Komposition Jahr um Jahr auf. Eines Tages, so wähnte der heranreifende und schließlich etablierte Komponist, würde ihm seine Erstlingsidee als aktueller Baustein eines Werkes taugen. Nach 54 Jahren war es soweit:
Der „Hüfinger Choral“ (Hüfingen — Hummels Heimatort in Südbaden) ward eingesenkt „in memoriam“ — im Gedenken an — „Anton Bruckner“ und sollte zu einem „Leipziger Choral“ werden...

Diesem Choralvers sollte es beschieden sein, das "in memoriam“ - Werk aus dunkelster „ppp“-Tiefe zum klanglichen Höhepunkt „fff“ im Adagio zu führen.

Die Uraufführung des Werkes war dann - in Anwesenheit des lebhaft applaudierten Komponisten - am 19. Dezember 1989 im Gewandhaus zu Leipzig: genau 24 Stunden nach der letzten, der größten Friedensdemonstration in der ihrem Ende entgegengehenden „DDR‘:
Diese eindrucksvolle Schweige- und Lichterprozession über den Leipziger Stadtring wurde von Kurt Masur angeführt, dem unter Hunderttausenden auch die Ehepaare Hummel und Horn folgten.

(Hochschulmitteilungen 2001-2002, Hochschule für Musik Würzburg)

 

Bertold Hummel gelangt mit seinem op. 91b In memoriam Anton Bruckner zu wahrhaft Brucknerschen Dimensionen. Der Werktitel darf als Verneigung vor dem Meister der Orgel und der Symphonie verstanden werden. Bruckners Geist wird gegenwärtig in Form, Rhythmus und Satzstrukturen, mit denen Bertold Hummel eigene Klangvorstellungen verbindet. Konkrete thematische Bezüge treten deutlich zutage: Dem ersten Satz ist das Hauptthema der Achten, dem zweiten das Adagiothema der Neunten Symphonie Bruckners unterlegt.

Ein Choralgedanke im Adagiosatz verdient besondere Aufmerksamkeit. Er klingt, als habe Bruckner ihn erfunden - ppp misterioso - und doch stammt er aus der Feder des achtjährigen Knaben Bertold, der unter dem Eindruck von Bruckners Dritter Symphonie nach Hause ging und beschloß, Komponist zu werden. Das Erste, was er zu Papier brachte, war diese kühne Choralidee, die nunmehr in seiner Bruckner-Phantasie ihre Erfüllung findet. Die Huldigung auf den Meister von St. Florian kulminiert mit diesem Choral nach einer großangelegten Steigerung in der vollen Kraft der Orgel.

Der dritte Satz ist geprägt von Brucknerscher Motorik und Rhythmik; auch klingen hier Motive aus der Dritten und Vierten Symphonie an. Zudem ist das ganze Werk von der ersten bis zu letzten Note durchdrungen von Bruckners Namens-Motiv: "A. B."

Die Anregung, ein Orgelstück des Titels In memoriam Anton Bruckner für eine Uraufführung im Gewandhaus zu Leipzig zu schreiben, kam von Erwin Horn. Dieser spielte dort - mitten in der "Wende" - am 19. Dezember 1989 in Anwesenheit des Komponisten und seiner Frau das Werk zum ersten Male.

Vom Mittelsatz dieses Orgelwerkes erstellte der Komponist eine Fassung für großes Orchester. Diese wurde als Orchester-Adagio am 8. September 1996 im Brucknerhaus Linz zur Eröffnung des Internationalen Brucknerfestes uraufgeführt.

Erwin Horn

 

Presse

Musica Sacra 1/1994

Dem großen Orgel-lmprovisator Anton Bruckner, der sich selbst nie aufraffen konnte, für sein Instrument etwas seiner Dimension und Größe angemessenes zu schreiben, haben sich schon viele Komponisten von der Orgel her genähert. Das kann natürlich unter den verschiedensten Aspekten geschehen. Am beliebtesten ist es, sich von seiner Symphonik Material, Form, Pathos, ja sogar Harmonik zu leihen und damit sein Orgelverständnis zu beschwören. Bertold Hummel tut das höchst beeindruckend in einer dreisätzigen Fantasie voll improvisatorischen Schwungs und polyphoner Technik, nimmt dabei die Initialen A und B als motivisches und Brucknersche rhythmische Gesten vornehmlich aus den beiden letzten Symphonien als Ausdrucksmoment, um ein grandioses, breitangelegtes Beispiel echt deutscher Orgelsymphonik zu schaffen. Gefordert wird dabei aber nicht nur eine große Orgel, sondern auch ein virtuoser Interpret.

 

Württembergische Blätter für Kirchenmusik 6/1993

Mit seiner sinfonischen Fantasie in drei Sätzen ist Hummel ein packendes Werk gelungen, das bei einer Dauer von ca. 25 Minuten in keinem Takt seine Anziehung verliert und das sich zu üben lohnt.

 

Mittelschwäbische Zeitung 14.10. 1996

Die Zuhörer erlebten eine seltene Darstellung der Gefühlswelten Trauer, Resignation, Hoffnung und Zuversicht in der musikalischen Ausformung durch immer neue Bewegungen, Triller und Verzierungen - und nach ungewöhnlichen Steigerungen schließlich ein gewaltiges Inferno des Klanges. Der Organist verstand es ausgezeichnet, sein kontrastreiches Spiel stets durch überlegen ordnenden Ausdruck zu prägen und die riesenhaften Klangfolgen zu einem himmelstürmenden Gebet werden zu lassen.

 

Main-Post 29.12.1989

Die Überraschung des Abends aber war die Uraufführung des Würzburger Komponisten Bertold Hummel. "In memoriam Anton Bruckner" überschrieben, begeisterte dieses in seinen gewaltigen Dimensionen an Bruckners großen sinfonischen Atem gemahnende und ausgesprochen klangsinnliche Opus von Takt zu Takt mehr. Solche gewagte, aber dennoch reizvolle Mixturen, so vielschichtig übereinanderliegende, aber dabei dennoch durchhörbare Klangschichtungen waren bislang nur selten an der Gewandhausorgel registriert erlebt. Schön, dass auch der Komponist seinen Uraufführungserfolg selbst miterleben konnte. Die geöffnete deutsch-deutsche Grenze schafft auch hier wohltuende Normalität!


okey classic  9/10 2014

Hier haben wir also ein richtiges Stück Konzertliteratur, das auf einer intimen und profunden Kenntnis des Oeuvres Bruckners und einer unbedingten Stilsicherheit in der Form beruht und etwas für ausgesprochene Orgelvirtuosen ist.


Erstausgabe: Anton Böhm & Sohn Augsburg, 1990