BERTOLD HUMMEL - Texte zu den Werken: Internet-Symphonie


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Internet-Symphonie für großes Orchester nach Themen von Harald Genzmer, komponiert von Bertold Hummel, Roland Leistner-Mayer und Moritz Eggert (1999)

I. Andante con moto   Beginn

II. Adagio

III. Finale

Uraufführung: 1. Januar 2000, Hof, Freiheitshalle
Hofer Symphoniker / Howard Golden

Besetzung: 3 Fl. (3.+ picc.), 2 Ob., Klar., Bass-Kl., 2 Fg., Kontra-Fg. - 4 Hn, 2 Tr., 3 Pos. - 1 Timp., 3 Schlgz. - Streicher 10.8.6.5.4 Instrumente

Aufführungsdauer: 20 Minuten

Verlag: Vogt und Fritz


Dem von der Staatsregierung ausgegebenem Motto "Erbe und Auftrag" für die Millenniumsfeierlichkeiten wollte auch der Bayerische Musikrat mit einem Beitrag aus dem Musikleben Bayerns Rechnung tragen. Es entstand das Konzept des Generalsekretärs des Bayerischen Musikrates, Jörg Riedlbauer, mit den vier Komponisten Harald Genzmer, Bertold Hummel, Roland Leistner-Mayer und Moritz Eggert, die alle Generationen Bayerischer Tonsetzer des 20. Jahrhunderts vertreten, ein gemeinsames Projekt zu veranstalten. Es wurde das Internet als zentrales Medium des 21. Jahrhunderts gewählt, um erstmals eine noch nie dagewesene Form der weltweiten Kunstvermittlung zu nutzen.

Harald Genzmer entwickelte drei Themen für eine dreisätzige Symphonie. Den ersten Satz begann Bertold Hummel, den zweiten Moritz Eggert und den dritten Roland Leistner-Mayer. Die drei Kollegen tauschten ihre Partituren untereinander aus, und jeder führte die Gedanken seines Vorgängers weiter.

Den 1. Satz begann Bertold Hummel. In ruhig fließender Bewegung (Andante con moto) entwickelt sich über einem Klangfeld der Bässe in der Bassklarinette und den tiefen Streichern das von Harald Genzmer vorgegebene Thema des 1. Satzes zunächst betont zurückhaltend. Mittlere und höhere klangfarbliche Register werden sukzessive erschlossen; das Schlagzeug setzt aparte Akzente, bis schließlich die Genzmersche 12-Ton-Reihe strukturbildend für den Glanz des vollen Orchesters wird. Auf artifizielle Weise reizt nun Hummel die verschiedensten Möglichkeiten und Spielarten der Genzmerschen Vorlage aus, gewinnt dabei dem Orchester neben wirkungssicheren Tuttipassagen auch immer wieder konzertierende Qualitäten ab. Motive spalten sich ab, wandern wieselflink durch die einzelnen Orchestergruppen, werden einem fortwährenden Steigerungsprozess unterworfen und finden schließlich wieder in ein ruhigeres Fahrwasser, was zugleich einen Übergang in den Mittelteil von Moritz Eggert herbeiführt. Dieses Mittelstück des 1. Satzes ist bewusst scherzandesk ausgefallen, wobei die häufigen Wechsel von Rhythmik und Metrum einen aparten Reiz ausüben. Auch Eggert spaltet kleinzelliges motivisches Material ab; gelegentliche Anknüpfungen an Entwicklungstechniken Hummels tragen zum inneren Zusammenhang bei. Das kapriziöse Spiel innerhalb der einzelnen Instrumentengruppen verdichtet sich und findet nach einem burlesken Tutti zu einer reizvollen Gegenüberstellung zwischen Hörnern, tiefen Streichern und der Fagottgruppe, bis Roland Leistner-Mayers Beitrag wieder das Eingangstempo Hummels anschlagen und nach diversen raffinierten rhythmischen Spielarten den Satz ruhig ausklingen lässt.

Den Mittelsatz konzipierte Moritz Eggert mit seinem Beginn zunächst als ein breit angelegtes Adagio, das sich subtil aus einem Holzbläser-Stimmengeflecht entwickelt, alsbald von Hörner- und Stabspielakzenten koloriert. Doch schon bald dominiert der breit aufgefächerte Streicherapparat das klangliche Geschehen, von Bläser- und Schlagzeugakzenten massiv angeheizt, was Bertold Hummel in seinem Mittelstück aufgreift, dabei ebenfalls mit etlichen Taktwechseln die Bewegung intensiviert und das Adagio alsbald in einen bewegteren Zwischensatz überführt. Diese bewegte Passage mündet in ein ruhiges Klangfeld, das im Schlussteil durch Roland Leistner-Mayer auf subtile Weise rhythmisch bewegt wird, abermals zu einer piu mosso-Steigerung geführt wird und im ruhigen Wechselspiel von tiefen Streichregistern, der Hörner- und Posaunengruppe sowie der Soloklarinette verklingt.

Ebenfalls dynamisch verhalten, doch rhythmisch ungemein intensiv und spannungsreich, findet Leistner-Mayer sodann den Einstieg ins Finale, das er presto beginnen lässt und intensiv unter Spannung setzt. Dieser rhythmische Schwung bewirkt ein kontinuierliches Pulsieren, das im Mittelstück von Bertold Hummel, das als "Oase der Ruhe" wirkt, weitergeführt und schlussbildend von Moritz Eggert zum lebhaft bewegten Ende gebracht wird, wobei er, vergleichbar der Art des "Zappens" mit der Fernseher-Fernbedienung, die verschiedensten Elemente des bisher Gehörten aus dem ursprünglichen Zusammenhang herauslöst, zerstückelt und auf neue Weise zusammensetzt.

(aus dem Programmheft der Uraufführung durch die Hofer Symphoniker)

 

Die vorgegebenen Themen von Harald Genzmer:


 

Natürlich war ich anfangs eher skeptisch, ob so etwas funktioniert, denn jeder Komponist gibt einen Teil seines schöpferischen Werkes zu gunsten des gemeinsamen Ergebnisses auf, doch diese Art zu arbeiten war sehr interessant, und ich bin nun sehr zuversichtlich: Das Werk scheint gelungen zu sein.

Bertold Hummel (Frankenpost 21.12.1999)

 

Presse


Nürnberger Abendzeitung 3.1.2000

Es war da eine Menge vitaler Musik.

Das Werk ist ausgesprochen effektsicher und springt in den Schlagzeug-Akzenten den Hörer geradezu an.

Wie das virtuelle Publikum darüber denkt, ist nicht absehbar. Im Konzertsaal war das Werk sofort ein Erfolg.

 

Frankenpost 3.1.2000

Wie durch ein Wunder blieb es nicht bei willkürlicher Stückelei. Vor dem Hörer der Uraufführung baute ein Puzzle sich auf, in dem die Nahtstellen zwischen den unzähligen Einzelsegmenten bis zur Unkenntlichkeit geebnet und ausgefeilt scheinen. Die Symphonie überraschte am Samstag - nicht zuletzt dank Howard Golden, der das überdurchschnittlich geforderte Orchester überlegen und penibel leitete -durch die originelle Vielfalt ihres Ereignisreichtums ebenso wie durch die Einheitlichkeit ihrer Gesamtgestalt. Zwar ließen sich die motivischen Entwicklungen und Durchführungen nicht gerade leicht durchschauen, doch herrschte in den oft zerrissenen, gerade dadurch fesselnden Stimmungsverläufen stets unterschwellige Schlüssigkeit. Ihr dienten die Musiker, indem sie (etwa durch mannigfaltigem Schlagzeugeinsatz) den detaillierten Konturen und Farben des Klangs gleichen Rang wie der Thematik einräumten.

Verdichtung und Beschleunigung, Tumult und Härte hier - dort plötzliches, gleichsam staunendes Stehenbleiben, ein Schweben auf Klangteppichen: Denn der vorwärtstreibende Atem ging der Aufführung nie aus - nicht in den eher verhaltenen ersten beiden Sätzen - verwandt wie Geschwister, oft unheimlich dunkel koloriert -; erst recht nicht im neoklassizistisch erleuchteten und erregten Finale; eine Burleske mit bitterem Nachgeschmack.

An all dem hatten, neben den vier Gegenwartskomponisten, auch viele ihrer Vorläufer und Vorbilder Anteil: Die verdeckte Anspielung, der Zwischenton, auch schon mal das Zitat ist wichtiges Stilmittel des Werks, das einmal mit der Robustheit Hindemiths oder der Schärfe Schostakowitschs auftrat, dann sich in die Würde Wagners oder Bruckners kleidete oder, in wunderbar suggestiven Momenten, einem Debussy, Messiaen, Toru Takemitsu huldigte - Meistern der Sphärenmusik.

Ein aufmerksames Publikum verlangt die Symphonie und fand es in Hof. Ihm diente sie nicht mit Gefälligkeitsmusik, um eine "neue Zeit" nach der 2000-Schwelle zu begrüßen. Im Gegenteil: durchaus ernste, beinah apokalyptische Züge offenbarte sie: als wollte sie Vergangenes rekapitulieren, Fort- und rückschritte des 20. Jahrhunderts, Vernichtung und Hoffnung.

Michael Thumser

 

Frankfurter Neue Presse 2.9.1999

Gearbeitet werde noch ganz traditionell mit Bleistift und Papier, berichtet Moritz Eggert, der mit 33 Jahren die junge Komponistengeneration vertritt. Er ist der einzige der vier, der regelmäßig mit dem Internet arbeitet und auch eine eigene Homepage pflegt. Älteren Kollegen wie Bertold Hummel ist das World-Wide-Web eher suspekt: Er sei in einem Alter, in dem man sich wundere, wie viel Zeit Jugendliche vor dem Computer zubrächten.